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1. Biblisch-theologische Vergewisserung

Ü B E R B L I C K

Die Bibel macht Lust auf Entdeckungsreise zu gehen – sie erzählt von Menschen, die unterwegs sind: von Adam und Eva über Noah, Abraham, Jakob, Esther und Ruth, vom Auszug Israels aus Ägypten bis zur Gefangenschaft in Babylon oder von Jesus bis zu den Reisen des Paulus…

1.1 Die Bibel als Zeugnis von Migration und Wanderschaft

Ü B E R B L I C K

Weltweit sind mehr als 68,5 Millionen Menschen heute auf der Flucht. Als ein Buch von Migrationsgeschichten liest sich die Bibel. Menschen wanderten von Ort zu Ort, zogen von Land zu Land. Es sind Geschichten von Menschen, die sich auf den Weg machen, um woanders zu leben. Biblische Erzählungen und Erinnerungen können auch heute Mut zum Aufbruch machen…

Wer von den vielfältigen Migrationswirklichkeiten der Gegenwart aus in die Bibel blickt, begegnet alt­vertrauten Geschichten – und wird zugleich heraus­gefordert, diese mit neuen Augen zu sehen. Gerade für die alt­eingesessenen Kirchen Europas bietet sich dabei die Chance, wieder neu zu entdecken, dass die Bibel von den ersten bis zu den letzten Seiten ein Buch der Migrations­erfahrungen, -erinnerungen und -hoffnungen ist.

Die Bibel ist ein Buch der Wanderschaft und der Bewegung. Hierbei zeigt sie einerseits die Härte, die das Unterwegssein bedeutet. Mehr noch aber ist sie ein Buch über die Würde, die Begabungen, die Glaubenskraft und den Segen von Migrantinnen und Migranten. Für die Gegenwart und die Frage nach dem Leben und Wirken der Kirche in der Migrationsgesellschaft liegt hierin eine doppelte Erinnerung:

Während Migrantinnen und Migranten derzeit oft nur als Defizit- und Problemträger vorkommen, erzählt die Bibel im Zentrum der jüdisch-christlichen Glaubenstradition Geschichten des Bewältigens und Gelingens von Migration. Ohne die Not und das Elend von Migrantinnen und Migranten zu verschweigen, zeugen die biblischen Texte von Menschen, die ihr Migrationsgeschick nicht nur tragen, sondern es gestalten, verändern und für sich und andere fruchtbar machen und sich nicht zuletzt darin von Gott geführt, getragen und begabt wissen.

Die Erinnerung daran, dass die Glaubensgeschichten der Bibel meist auch Geschichten der Bewegung, der Wanderschaft und der Fremdheit sind, verändert somit zum einen defizitorientierte Blicke auf Geflüchtete und Migranten. Nicht zuletzt aber führt sie zweitens zu der Frage, wie es denn um die Beweglichkeit, den Mut zu Aufbruch, Unterwegssein und Fremdheit in unseren festgefügten und in der Gesellschaft tief verwurzelten Volkskirchen bestellt ist.

Verdichtete Erfahrung

In der Fülle biblischer Migrationstexte spiegelt sich zum einen der Umstand, dass Menschen seit jeher auf Wanderschaft sind. Zum anderen die geschichtliche Tatsache, dass die Landschaften der Bibel von jeher Schauplatz von Kämpfen, Kriegen und Interessenskonflikten der antiken Großmächte waren. Von den Kriegszügen der Ägypter über die der Großreiche des Zweistromlandes bis zu den Eroberungszügen Alexanders des Großen und der Römer waren die dortigen Völker und Kleinstaaten über Jahrhunderte fast ununterbrochener Fremdherrschaft, Belagerung, Eroberung und Besatzung mit oft tausendfachem Tod ausgesetzt. Vor allem aber gehörten Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit zur Realität antiker Imperien. Besonders prägend für den Glauben und die Texte der hebräischen Bibel war dabei die Erfahrung der großen Vertreibungen im 8. und an der Schwelle zum 6. Jahrhundert v. Chr.: wohl Hunderttausende Einwohner Israels und Judas wurden nach Assyrien bzw. Babylon verschleppt oder zwangsumgesiedelt. Neben die konkrete Not trat dabei die geistige und religiöse Herausforderung, in der Fremde die eigenen Glaubensüberzeugungen lebendig und tragfähig zu halten, also gewissermaßen „Gott und die Welt“ buchstäblich neu zusammen denken zu müssen.

Migrantenfiguren wie die des Flüchtlings Jakob, des versklavten Joseph oder der Migrantin Esther am persischen Hof bündeln diese Realität ganzer Generationen und die Migrationserinnerung eines ganzen Volkes. Dabei berichten sie nicht bloße Fakten, sondern verdichten sie zur Erfahrung, zur Hoffnung und Gewissheit, dass in genau solchen Geschichten und Realitäten des Fremdseins Gott selbst erfahrbar ist und dass in ihnen Menschen zum (Über)Leben und Glauben befähigt werden, mehr noch, dass sich darin Gott selbst als ein mitgehender Gott zeigt.

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4 Antworten auf „1.1 Die Bibel als Zeugnis von Migration und Wanderschaft“

  1. Beate Ullrich

    Der Vergleich der heutigen Migration mit Bibelgeschichten erscheint mir doch ein wenig blauäugig. „Geschichten des Bewältigens und Gelingens von Migration. …. zeugen die biblischen Texte von Menschen, die ihr Migrationsgeschick nicht nur tragen, sondern es gestalten, verändern und für sich und andere fruchtbar machen und sich nicht zuletzt darin von Gott geführt, getragen und begabt wissen.“ Wie soll ein Mensch, der in einem Lager in Libyen festsitzt oder in Italien auf der Straße lebt, sein Migrationsgeschick fruchtbar machen? Das ist schon hier in Deutschland schwierig genug, wenn der Status keine Weiterbildung und keine Arbeit erlaubt. Was für uns Glaubensgrundlage ist, kann entwurzelten Menschen wie Hohn vorkommen.

  2. Hansjörg Mandler

    Das ist typisch für unsere verkopfte Kirche: Der Titel des Kapitels: „Theologisch-biblische Vergewisserung“ ist ein Wortungetüm, dass von Nichttheologen kaum verstanden wird. Warum heißt das Kapitel nicht: Beispiele aus der Bibel?
    Auch der Begriff: „Die Bibel, ein Buch der Wanderschaft“ ist irreführend. Es geht nicht um Wandern, sondern es geht im Alten Testament um Landnahme (u.a. Urvätergeschichten), um Landverteidigung (u.a. Königsgeschichten), um Verteibung (u.a. Babylonische Gefangeschaft). Natürlich geht es um das Gottesvolk und den Behütungsaspekt des Gottes Insrael – aber als Wanderschaft (das Wandern ist des Müllerslust) kann man das wirklich nicht bezeichnen.
    Wir sollten in den kirchlichen Texten dringend auch mal über die Wortwahl nachdenken und gerade bei dem Thema Migration und Flucht ist das wichtig – weil es um persönliche Schicksale von Menschen geht.

  3. EKvW

    Übersetzt aus dem Englischen

    Autorin: Batara Sihombing

    Es ist wirklich traurig zu wissen, dass mehr als 60 Millionen Menschen aus unterschiedlichen Gründen migrieren bzw. auf der Flucht sind. Es ist eine Realität, die von allen Kirchen und überall wahrgenommen wird, wie zum Beispiel in Asien oder Europa. Ich teile die Erfahrungen vieler asiatischer Frauen in Indonesien, die als Hausangestellte im Ausland arbeiten. Es gibt mehr als sieben Millionen indonesische Frauen die als Arbeitsmigrantinnen im Ausland leben. Sie sind gezwungen, ihre Kinder, Ehemänner und Eltern zu verlassen, um Geld zu verdienen. Es ist eine Tatsache, dass viele von ihnen brutale Erfahrungen machen, wie zum Beispiel, dass sie keinen Lohn erhalten, gequält, vergewaltigt oder Opfer von Menschenhandel werden. An dieser Stelle möchte ich betonen, wie wichtig es für die Kirchen in Singapur, Malaysia, Korea, Taiwan, Hongkong und im Mittleren Osten ist, ihre jeweiligen Mitglieder zu ermutigen, Fremden und Arbeitsmigrant*innen gegenüber Gastfreundschaft zu zeigen. Davon abgesehen ist es notwendig, dass die Kirchen dieser Länder es in der Öffentlichkeit publik machen: Begegnet den Arbeitsmigrant*innen mit Gastfreundschaft.

  4. Oliver Vogelsmeier

    Die Migrationsgeschichten der Bibel zeigen auch das, wovor Menschen heute sich fürchten. Aus einer Minderheit, die in Ägypten sogar in die Mitverantwortung kommt (Josef, der später seine hungernde Brüder nachholt,) wird später ein großes Volk mit eigener Religion und Kultur, das nicht integriert ist. Es bleibt fremd, gerät in Konflikt mit den Herrschenden und zieht ins gelobte Land. Nach langer Wanderschaft wird es dort heimisch, aber tritt auch in kriegerische Konflikte ein mit den dort Einheimischen. Formen von Fanatismus treten auf, d.h. alles der Erobertem („dem Bann übergeben“, das heißt auch Frauen, Kinder und Tiere umbringen). Auch Esther steht für einen blutigen Konflikt der Exilanten mit den Heimischen. Es darf also hier nicht alles weich gezeichnet werden. Sonst nehmen wir die berechtigten Ängste, die ein (ehemaliger?) Sozialdemokrat Thilo Sarrazin in dem Bestseller „Deutschland schafft sich ab populistisch aber erfolgreich in die Diskussion brachte, nicht Ernst…

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1.2 Israels Grunderzählungen

Ü B E R B L I C K

„Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst.“ So heißt es bei Mose. „Einheimische“ werden daran erinnert, nicht zu vergessen, dass sie selbst fremd gewesen sind. Dennoch waren auch damals nicht alle fremdenfreundlich zueinander…

Die Erzählung von der sogenannten Vertreibung aus dem Paradies (1. Mose 3,23–24) und dem Gang Kains nach „jenseits von Eden“ (1. Mose 4,16 ff.) zeigt, dass sich die biblischen Autoren die Menschheitsgeschichte und die Entwicklung von Kultur und Zivilisation grundsätzlich als Migrationsgeschehen vorstellen.

Auch und gerade die eigene Geschichte erzählt das biblische Israel – und das Judentum folgt ihm darin bis heute – als mehrfache Migrationsgeschichte. Dies gilt vor allem für die Geschichten der Mütter und Väter Israels, der sogenannten Erzeltern, für deren Wege aus dem Zweistromland nach Kanaan und für ihr Leben als „‚Fremdlinge“ im verheißenen Land. Vom Anfang der Erzählung an steht dabei Israels Selbstbewusstsein, von Gott auserwählt und auf einen eigenen Weg gerufen zu sein, unter dem Vorzeichen des Segens, den Gott mit dieser besonderen Geschichte für „alle Geschlechter auf Erden“ bewirkt (1. Mose 12,1–4).

Im Horizont dieser Sendung stecken in den Texten auch die Absicht und die religiöse Pflicht, in der Fremde die eigene Identität zu wahren, indem man „für sich“ lebt und verwandtschaftlich-familiär unter sich bleibt – wie es das Judentum über Jahrtausende gelebt hat und wie es sich in der Gegenwart auch in vielen Migranten-Communities findet.

Zugleich – und auf dieser Basis erzählen die Erzelterngeschichten (1. Mose 12–50) zumeist von friedlicher Konfliktlösung – beschreiben sie Kooperation und respektvolle Grenzziehungen zum Anderen und betonen dabei auch die wechselseitige religiöse Kommunikation zwischen der Abrahamsfamilie und den anderen Landesbewohnern. Diese erkennen das besondere Gottesverhältnis der Erzeltern an (1. Mose 23,8; vgl. 14,18), und jene lernen, dass „Gottesfurcht“ auch dort ist, wo sie es „gewiss nicht“ vermuten (1. Mose 20,14), und dass sie zum Gebet für das Wohl der anderen gerufen sind (1. Mose 20,17).

Die Exodusgeschichte, Israels zweite große Migrationserzählung, ist dagegen politischer und kämpferischer. Sie bezeugt Gottes Parteilichkeit für die unterdrückten Sklaven des ägyptischen Staates und zeigt, wie nötig Freiheit auf Recht und Weisung angewiesen ist. Die Torah – also alles Recht, das in Israel gelten soll – ist mit dieser Befreiungs- und Wegerfahrung verbunden. Sie dient der Freiheit und ist die Gabe des Freiheits­gottes (2. Mose 20,1).

Besonders in Texten und Geschichten, die von der Exoduserinnerung und der Inbesitznahme des Landes Kanaan handeln, erklingen gegen bestimmte andere Völker teils offen feindselige Töne. Diese Texte spiegeln nicht selten brutale Erfahrungen der Unterdrückung und Gewalt, die Israel selbst unter den verschiedenen antiken Großreichen gemacht hat.

Fremdheit und Recht

Bemerkenswert ist, dass „die Fremden“ in der Torah sehr wohl eigene Rechte haben. „Fremd“ (hebräisch ger) meint dabei – wenn nicht mit einer anderen Vokabel von einem Ausländer auf der Durchreise die Rede ist – Menschen, die dauerhaft an einem Ort wohnen, aber nicht von dort stammen, zu keiner der dort ansässigen Sippen gehören und also keine Rechte als männliche Vollbürger mit eigenem Grundbesitz haben. Die verschiedenen Rechtstraditionen der Torah regeln zum einen detailliert, worin sich die Fremden an die religiös verankerten Bräuche Israels halten müssen – unter anderem an die Sabbatruhe – und unter welchen Bedingungen sie am Gottesdienst Israels teilnehmen dürfen.

Zum anderen legt die Torah größten Wert darauf zu regeln, wie sich die Angehörigen Israels gegenüber den Fremden verhalten müssen. Dabei werden Fremde gewissermaßen zum Maßstab einer gerechten Sozial­gesetz­gebung (2. Mose 22,20–23,9). Wegen ihrer schwachen Position genießen sie – wie auch israelitische Witwen und Waisen – besonderen Schutz gegen wirtschaftliche, soziale und juristische Übergriffe, und ihnen gelten Fürsorge­bestimmungen, die ihnen soziale Hilfe­leistungen, wie sie bedürftige Israeliten erhalten, zusichern (5. Mose 14,29).

Als Begründung und Motivation dafür, „den Fremden zu lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,33f), wird mehrfach betont, dass „Du [das heißt Israel] selbst Fremdling in Ägypten gewesen bist“ (2. Mose 22,20). „Denn du kennst das Herz des Fremden“ (2. Mose 23,9).

Das Herz der biblischen Fremdenethik schlägt also im Takt der Erinnerung. Gerade wenn man sich des Reichtums und der Gaben des eigenen Landes erfreut, ist es geboten, sich zu erinnern, dass man selbst nicht schon immer da war und auch jetzt nicht alleine da ist. Die Einheimischen erhalten den Auftrag, sich selbst immer wieder aktiv eigener Fremdheit zu erinnern und sich – auch wenn sie schon seit Generationen ansässig sind – als fremd vorzustellen.

Wie heute war dies wohl auch damals nicht die Regel. Sonst müssten Schutz (2. Mose 22,20), Teilhabe und das Ideal der Gleichbehandlung der Fremden (4. Mose 15,15 f.) nicht geradezu streng geboten werden. Die Realität war auch zu biblischen Zeiten keine fremdenfreundliche Idylle. Sonst fänden sich in den biblischen Texten nicht auch Fantasien der strengen Unterordnung von Fremden oder gar Konzepte ihres strikten Ausschlusses aus Israel (Nehemia 13). Hier wird ein strenger und angstvoller Blick auf die Fremden und das Fremde greifbar. Darin spiegeln sich negative Befürchtungen oder Erfahrungen, innere Spannungen, das Gefühl der Bedrohung der eigenen Identität und der Wunsch, diese zu schützen. Im Hintergrund ist die kulturell und politisch bedrängte Situation der jüdischen Gemeinschaft unter dem Druck antiker Großreiche zu erkennen; die Sorge ist spürbar, die Ehe mit „fremden“ Frauen könne zum Abfall von Gott (5. Mose 7,23) und zum Verlust der besonderen Identität Israels führen.

Grenzverschiebungen

Doch bleibt diese Auffassung in der Hebräischen Bibel – unserem Alten Testament – nicht unwidersprochen. Dies zeigt etwa die Erzählung über die beiden Witwen Noemi und Ruth. Die Israelitin Noemi kehrt mit ihrer moabitischen Schwiegertochter Ruth aus dem Nachbarland Moab zurück, wo sie während einer Hungersnot Aufnahme und Ehefrauen für ihre Söhne gefunden hatte.

Von einer bestimmten Sicht auf Israels Vergangenheit und Identität her widersprach eine Heirat mit Angehörigen dieses Volkes eindeutig dem Willen Gottes (vgl. Esra 9–10, 13,23–27). Denn im Falle der Moabiter heißt es in der Torah (5. Mose 23,4), die Moabiter hätten Israel beim Weg durch die Wüste einst Brot und Wasser verweigert.

Die Ruth-Erzählung berichtet das Gegenteil und unterläuft dabei die Grundannahme der Ausgrenzung, wie sie der entsprechende Vers der Torah verlangt. Die Moabiterin Ruth sorgt für die Israelitin Noemi. Ihr solidarisches Handeln setzt eine Kaskade menschlicher Güte in Gang, die Grenzen überwindet und in der Gott selbst handelt (Ruth 2,10–12). Beide, Ausländer und Inländer, profitieren so von den Gaben der wechselseitigen Güte.

Nicht nur die Ausländerin Ruth findet Aufnahme in Israel. Die Erzählung betont ebenso, dass die sozial benachteiligte Israelitin Noemi wieder auflebt (Ruth 4,14–15) und der Segen und das Wohl ganz Israels dadurch größer geworden sind.

Das nimmt die Schlussnotiz (Ruth 4,17–22) auf: Sie weist die Migrantin Ruth als Urgroßmutter Davids aus, also des größten und glanzvollsten Königs von Israel. Und der Anfang des Neuen Testaments setzt diese Linie fort, indem Ruth in dem sogenannten Geburtsregister Jesu auch als Stammmutter Jesu (Matthäus 1,5) ausdrücklich erwähnt wird.

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2 Antworten auf „1.2 Israels Grunderzählungen“

  1. Claudia Boge-Grothaus

    Es ist gut zu sehen, wie vielschichtig der Umgang Gottes und der Menschen im Alten Testament mit der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen „Migration“ ist. Immer vor dem Hintergrund der Achtung vor Gottes Ebenbildlichkeit muss die Balance zwischen eigener Identität und der Verpflichtung zur sozialen Gerechtigkeit auch gegenüber „dem Fremden“ gefunden werden.

  2. EKvW

    Übersetzt aus dem Englischen

    Autorin: Batara Sihombing

    Ja es stimmt, dass im Alten Testament das Volk Israel aufgefordert wird, die Fremdlinge ebenso zu lieben, wie sich selbst. Meine Frage ist: Warum sollte das Volk Israel die Fremdlinge lieben? Der Grund ist, dass die Fremdlinge nicht die gleichen Rechte und Privilegien genossen, wie die Einheimischen. Sie waren Fremde oder Fremdlinge. Das sind die Bedingungen, wie sie Fremde überall erfahren, sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart. Wir werden aufgefordert, diejenigen zu lieben, die schwach sind, Hilfe und Schutz benötigen. Das heißt, dass die erste Frage sein sollte, wenn Fremde ins Land kommen: Wie können wir sie lieben? Wir sollten sie nicht beschuldigen, uns unsere Arbeitsplätze wegzunehmen oder uns in ihren Glauben einmischen. Das sollte außer Frage stehen. Ja natürlich, wenn wir die Fremden lieben bedeutet es, dass wir ihren sozialen Hintergrund, ihre Kultur, ihren Glauben usw. kennenlernen. Wenn wir das tun, können wir ihnen angemessen helfen.

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1.3 Jesus Christus – unterwegs und fremd

Ü B E R B L I C K

Von Fremdheit oder gar Heimatlosigkeit erzählt ebenso das Neue Testament. Dabei vereinten die ersten christlichen Gemeinden Menschen, „die aus der jüdischen Tradition kamen, mit Menschen anderer ethnischer, kultureller, politischer und religiöser Tradition“. Welche Konsequenzen sollten Kirchen und Christ*innen heute daraus ziehen, wenn sie sich auf die Heilige Schrift beziehen?…

Wegbilder und Wegwirklichkeiten

Die Menschen um Jesus und die frühen christlichen Gemeinden lebten mit und aus der Bibel Israels. Sie kannten die biblische Symbolik des Unterwegsseins und trauten ihr. Auf dieser Grundlage deuteten sie ihre Erfahrungen mit dem Messias Jesus.

Die Evangelien schildern den irdischen Jesus als Menschen, der grundsätzlich unterwegs ist. Sein Weg spiegelt das Nahe-Kommen Gottes (Markus 1,14). Sein Unterwegssein und das seiner Jüngerinnen und Jünger schreitet Israels Weg mit Gott ab und geht diesen Weg weiter (Matthäus 2). Jesu Gekommensein, sein Bleiben und sein Zum-Vater-Gehen sind besonders in den sogenannten Abschiedsreden des Johannesevangeliums (Johannes 13–17) grundlegende Wesensbestimmungen des Gottessohns und Prägekräfte des Glaubens.

Ethnische Grenzen wie die zwischen dem Gottesvolk Israel und den anderen Völkern sind in den Evangelien durchaus bewusst und werden zum Teil sogar betont (Matthäus 10,5). Aber zugleich werden sie von Jesus – in einem eigenen Lernweg (Matthäus 15,21–28) – auch überraschend überschritten. Dies stellt in den Evangelien einen eigenen Lernweg Jesu dar. Dieser Weg geht weiter, bis der Auferstandene alle Nationen in seine Lerngemeinschaft (Matthäus 28,18-20) einschließt.

Die Apostel­geschichte erzählt, wie der Glaube nach Gottes Willen und mit dem Geist Gottes als Impulsgeber auch Nicht­juden und -jüdinnen erreicht (Apostel­geschichte 10). Zugleich wird erkennbar, dass der „neue Weg“ (Apostel­geschichte 9,2) seine Anhängerinnen und Anhänger auch tatsächlich zu Migranten und Migrantinnen machen konnte (Apostel­geschichte 11,19–20). Flucht und Verfolgung (Apostel­geschichte 18,1–3 ; vergleiche Römer 16,3–4) gehörten wie gezielte Missionsreisen zur Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des frühen Christentums.

Auch wenn der Übergang von Asien nach Europa, also aus der heutigen Türkei auf das griechische Festland, in der Antike wohl kulturell nicht so gewichtig war wie gegenwärtig, hebt die Apostelgeschichte diesen Schritt doch hervor (Apostel­geschichte 16,9–40). Interessanterweise finden die Apostel bei ihrer Ankunft auf dem europäischen Festland in der Stadt Philippi (Apostelgeschichte 16,11–15.40) zuerst Gastfreundschaft und dann auch Glauben bei einer Textilhandwerkerin namens Lydia, die (wie ihr Name andeutet) ihrerseits wohl aus Asien stammte, nämlich aus der westtürkischen Landschaft Lydien. Dies zeigt nicht nur, wie sehr Migration schon in der Antike das Alltags- und Arbeitsleben bestimmte. Nach der Apostelgeschichte steht also am Anfang des sogenannten christlichen Europas die Gastfreundschaft einer Migrantin und Europas erste Christin stammte aus Asien.

Die jungen Gemeinden vereinten Menschen, die aus der jüdischen Tradition kamen mit Menschen anderer ethnischer, kultureller, politischer und religiöser Tradition. Die Auseinander­setzung mit verschiedenen Traditionen und Denk­weisen gehörte daher zu ihrem Alltag. Das führte auch zu harten Konflikten (Römer 14; Galater 2,11–14; Galater 5,1–6), etwa im Blick auf die Speise­gebote oder die Beschneidung, und zu unterschiedlichen Kompromissen (1. Korinther 8; Apostelgeschichte 15). In diesem Ringen um Gemeinsamkeit in Verschiedenheit ist auch die Lehre des Paulus von der Gerechtigkeit durch den Glauben verwurzelt. Die Taufe stiftet Einheit und Gleichheit von Verschiedenen (Galater 3,28). Wer zu Christus gehört und wer in ihm zusammengehört, darüber entscheiden nicht die Grenzen ritueller Reinheit und sozialer Abgrenzung, die die Torah für Jüdinnen und Juden vorgibt. Der Zaun der Gottesfremdheit ist abgebrochen. Christus und sein Tod machen auch Nichtjuden zu Gottes Mitbewohnern (Epheser 2,12–19).

Christus im Fremden

„Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ – oder eben auch: „Ich war fremd, und ihr habt mich nicht aufgenommen“ (Matthäus 25,35.38.43). So lässt der Gleichniserzähler Jesus den zum Weltgericht kommenden Menschensohn und König von sich sagen. Die Botschaft des Gleichnisses ist eindeutig und subtil zugleich. Sie ist eindeutig, denn – wie beim Verhalten zu Hungernden und Dürstenden, Nackten, Kranken und Gefangenen – so wird der königliche Weltenrichter am Ende der Zeiten auch das Handeln oder Nichthandeln an den Fremden „als seinen geringsten Brüdern“ und Schwestern auf sich beziehen. Der Fremde steht dabei in einer Reihe mit anderen sozial Benachteiligten, die also gerade nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Das Gleichnis redet weder einer Bevorzugung noch der Benachteiligung von Fremden gegenüber anderen Bedürftigen das Wort.

Wie im Alten Testament – wo es heißt, wer den „Geringen“ bedrückt, verachtet auch den Schöpfer (Sprüche 14,31), da er dessen Ebenbild ist (1. Mose 1,26) – bezieht auch der Weltenrichter im Gleichnis Jesu die Achtung oder Verachtung der Geschwister auf sich. Es ist diese Sicht, die jeden Geringen und jede Bedürftige in eine neue Wirklichkeit versetzt, indem sie ihn oder sie mit Christus in Beziehung setzt.

Die Botschaft des Gleichnisses ist zugleich subtil, denn es spielt mit dem Moment der Überraschung. Die Gerechten fragen „Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen?“.

Es geht also nicht an, Fremde – Kranke, Hungernde oder Gefangene – von vorneherein für oder gar als Christus zu vereinnahmen. Aber es gilt stets damit zu rechnen, auch im Fremden von Christus überrascht zu werden.

Christsein als Fremdsein – Das wandernde Gottesvolk

Besonders die Briefe des Neuen Testaments betonen immer wieder, dass Fremdheit oder gar Heimatlosigkeit zum Wesen des Lebens im Glauben gehören. Die jungen Gemeinden erkennen sich in den Migrations- und Fremdheitsgeschichten der hebräischen Bibel, in den Begriffen und den Figuren des Unterwegsseins und der Migration wieder, wie es etwa der 1. Petrusbrief mit dem Wort „Fremdlinge“ als Anrede an die Gemeinde tut. Das Fremdsein der Christen und ihr Herausgerufensein (von diesem Wort leitet sich auch das griechische Wort für Kirche ab) sind zwei Seiten einer Medaille (1. Petrus 1,1.17 und 2,11).

In besonderer Weise entfaltet dies der Hebräerbrief. Er stellt die christlichen Lesenden tief hinein in die migrantischen Grunderzählungen Israels. Er nimmt sie mit auf einen Weg, der dort begann, aber noch nicht zu Ende ist. Wie Israel einst auf das Ankommen und die Ruhe hoffte (5. Mose 12,9 ; Psalm 95,11) – und noch immer hofft –, die Gott beim Auszug aus Ägypten verheißen hatte – und weiter verheißt –, so sind auch alle, die an Christus glauben, auf einem Weg des Auszugs und unterwegs zu der Erfüllung der Ruheverheißungen Gottes (Hebräer 4,9). Wie Abraham, der gehorsam auszog „an den Ort, den er als Erbe empfangen sollte“ (Hebräer 11,8–10), so haben auch die Christen „hier keine bleibende Stadt, sondern suchen die künftige, die droben ist“ (Hebräer 13,14). Dem entspricht eine Haltung der Sehnsucht, der Suche und des „Schauens von Ferne“ (Hebräer 4,11 und Hebräer 11,14).

Die Gemeinschaft mit Gott und das Unterwegssein zu ihm machen die Glaubenden gewissermaßen zu Migrantinnen und Migranten. Ihr Hoffen und Handeln, ihre Haltungen und ihr Verhalten gehen nicht auf im Hier und Jetzt. Sie sind, wie Paulus schreibt, „Himmelsbürger“ (Philipper 1,27 und Philipper 3,20) und darum „weltfremd“. Als geistliche Migranten blicken die Kirche und der Glaube, indem sie die Realität von Migration und das Geschick von Migrantinnen und Migranten wahrnehmen, wie in einen Spiegel, der sie auf ihre wahre Identität vor Gott hinweist.

Wir sind gefragt: Worin sind wir noch fremd, worin längst sesshaft geworden? Wohin wollen wir uns auf­machen und wonach neu Ausschau halten?

Das Volk, das im Finstern wandelt …

Adventsandacht zur Hauptvorlage „Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen – Kirche und Migration“ (A. Muhr-Nelson) mit Bild (Nr. 7285) des Künstlers Francesco Piobbichi.

Lampedusa

Francesco Piobbichi hat aus Gesprächen mit überlebenden Flüchtlingen deren Erinnerungen an das Schiffsunglück in einer Bilderserie gezeichnet. Foto: Dirk Johnen

Am späten Abend des 3. Oktober 2013 kenterte vor Lampedusa im Mittel­meer ein Kutter mit mehr als 500 Menschen aus Eritrea und Somalia. Auf der Insel hörte man die verzweifelten Schreie, hielt sie in der Dunkel­heit aber für das Kreischen von Möwen. Das Boot sank innerhalb weniger Minuten. Die Über­lebenden hielten sich fünf Stunden lang über Wasser. Von den 368 Menschen, die in jener Nacht ertranken, waren 108 im Innern des gekenterten Kutters ein­geschlossen. Darunter eine etwa 20-jährige Frau aus Eritrea, die noch ein Kind geboren hatte, bevor beide starben. Einige dieser Menschen sind auf Lampedusa begraben. In einem kleinen Laden­lokal hat man Gegen­stände aus­gestellt, die sie bei sich trugen, Kleidungs­stücke, Wasser­flaschen, Bibeln und Korane, Fotos von Angehörigen. Einige wenige Hab­selig­keiten, die es bis in unsere Welt geschafft haben und stumm Zeugnis ablegen von dem garstigen Graben, der sich zwischen denen im Todes­schatten­land ausbreitet und uns, dem Ziel­land ihrer Sehn­sucht, dem in ihren Augen gelobten Land.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
Jesaja 9,1

Uns ist diese Verheißung als Adventsbotschaft wohl vertraut, aber wie un­realistisch, ja fast zynisch klingt sie, wenn wir an die denken, die wirklich im Finstern wohnen. Martin Bubers Über­setzung pointiert es noch stärker: Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht, und über denen, die das Todes­schatten­land bewohnen, scheint es hell.

Wie mag das klingen in den Ohren derer, die nachts von Soldaten­stiefeln auf­geschreckt werden, die in staub­bedeckten Trümmern nach Ess­barem für ihre Kinder suchen, die umherirren in der Wüste? Sind die Ver­heißungen der alt­testament­lichen Propheten für sie realer oder irrealer als für uns? Wie geht es ihnen unter­wegs, in dunklen schlaf­losen Nächten?

Viele, die sich aus der Not heraus auf den Weg machen, klammern sich an ihren Glauben. Davon zeugen die Bibeln und Korane, die sie bei sich tragen. Ihr Glaube ist ihre einzige Hoffnung und gleich­zeitig eine starke Trieb­feder. Hoffnung ist der Motor der Migration. In ihr liegt der Keim des neuen Lebens, die Kraft, alles zurück­zulassen, um neu an­zufangen. Welch ungeheure Kraft­anstrengung das bedeutet! Wie stark muss die Vision sein? Wie trag­fähig ist der Glaube daran, dass nach dem Aufbruch aus dem Todes­schatten­land Gott den Weg weiß, „da mein Fuß gehen kann“? (Evangelisches Gesangbuch 361,1)

Die mit solcher Hoffnung zu uns kommen, zeugen vom Glauben, der Berge versetzt, und von der Kraft des Heiligen Geistes, die vielerlei Hindernisse überwindet.

Sie erzählen von dem großen Licht, das eines Tages alle Finsternis vertreiben wird. Sie haben es gesehen und sagen uns: Es wird hell!

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1.4 Kirche Jesu Christi in Gottes Mission

Ü B E R B L I C K

Gott macht keine Unterschiede zwischen Menschen. Warum dann wir? Im Fremden begegnet uns Jesus Christus. Kirche existiert nicht aus Selbstzweck, sondern soll helfen, die Welt zu verwandeln…

Gottes Liebe zur Welt hat in Jesus Christus Gestalt angenommen. In seiner Person und seinem Leben ist Gottes Reich angebrochen – befremdend, unerhört neu und befreiend. Seine Auferstehung hat die Endgültigkeit des Todes gebrochen und allem Leid eine Hoffnungsperspektive gegeben.

Durch seinen Geist zieht Christus Menschen hinein in sein Werk. Er befähigt Menschen, als Geschwister, als Freundinnen und Freunde Christi zu leben und zu handeln und Gottes gute Vorhaben mit seiner Schöpfung zu verwirklichen. Klassische Theologie sagt das so: Wer glaubt, hat Anteil an der „königlichen Herrschaft“ Christi. Dieser König ist ein Bruder und Freund, der seine Freundinnen und Freunde für die Teilnahme an dieser „Herrschaft“ gewinnen will. Durch oft unscheinbare Taten der Liebe, der Annahme und der Stärkung der Mitmenschen wird diese Herrschaft anziehend und mächtig. Einer ihrer Grundzüge ist die Nächstenliebe. Dabei geht es um Hilfe in Not und bei körperlichen oder seelischen Leiden. Doch auch um Begegnung auf Augenhöhe, das Bemühen, den Anderen zu verstehen, ihn oder sie in seiner oder ihrer Andersheit anzunehmen, und um die Bereitschaft, von- und miteinander zu lernen. So gewinnt Gottes Reich in undramatischer Nächstenliebe Gestalt.

Doch das Leben Jesu ist nicht nur das Leben dessen, der Menschen freundlich annimmt, sie an den Tisch seiner Gemeinschaft ruft und Körper und Seele von Leiden befreit. Das Leben Jesu ist auch das eines Propheten, der Heil und Unheil, Bosheit, Lüge und Wahrheit beim Namen nennt und unterscheidet und Menschen für die Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit begeistert. Auch für diese kritische und selbstkritische Existenz will Jesus Christus uns gewinnen. Sein Kreuz macht erschreckend klar, wie machtlos und hilflos Menschen werden können, wenn sie nicht den Kräften des Reiches Gottes trauen. Die Weltmacht Rom wendet sich gegen ihn und Gottes liebevolles Wirken in ihm. Die herrschende Religion wendet sich gegen ihn und seine Verkündigung. Weltliches und religiöses Recht werden zu seinem Verderben beschworen. Die öffentliche Moral und Meinung jubelt „Hosianna!“ und schreit „Kreuzige ihn!“ In solchem Machtgeflecht und Stimmengewirr ist es schwer, klaren Kopf und die ruhige prophetische Stimme zu wahren. Doch Christus, der uns Menschen durch seinen Geist für das kommende Reich Gottes gewinnen will, traut uns die Suche nach Wegen der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu. Er traut uns zu, andere zu gewinnen und davon zu überzeugen, wie verlässlich, befreiend und beglückend diese Wege sind.

Schließlich lässt uns Christus mit dem Vorbild seines Lebens und in der Kraft seines Geistes auch an seiner „priesterlichen Existenz“ teilhaben. „Denn“ – so formuliert es Martin Luther – „was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei …“ Durch den Geist Christi werden Menschen befähigt, von Gott durch Wort und Tat Zeugnis zu geben und sich und andere auf den Gott auszurichten, der ein Gott der Liebe, der Güte und Barmherzigkeit ist. Sie werden fähig, auf den Gott zu vertrauen, der gerade darin allmächtig ist, dass er auch aus Leid und Not Neues und Gutes schaffen kann. Dies schließt die Umkehr von allen Haltungen ein, die Hass propagieren und Hartherzigkeit und Missgunst praktizieren. Es ist tröstlich und befreiend zu sehen, dass die Gegenwart Jesu Christi in der Kraft seines Geistes und das Kommen seines Reiches nicht ferne Träume sind, sondern dass die „guten Mächte“ oft unscheinbar mitten unter uns und durch uns am Werk sind. Gerade in der Unscheinbarkeit und Behutsamkeit des kommenden Reiches liegt seine große, alle Menschen einladende Kraft.

Der theologische Begriff der Missio Dei überwindet jedes Überlegenheitsgefühl. Er führt in das Zentrum des Glaubens an den Gott der Bibel und des Koran, dass wir (nur) im Vertrauen auf Gott unsere Zukunft finden werden. […] Die Erfahrungen Abrahams, Mose, Jesu und aller Propheten und Prophetinnen, die im Koran und in der Bibel überliefert sind, sind eine starke Ermutigung für uns heute.

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Müzeyyen Dreessen, Pädagogin und Engagierte im Dialog, Gladbeck

Denn Gott selbst hat mit der Welt etwas vor. Daher existiert auch die Kirche nicht für sich selbst, sondern soll Gottes Plan zur Verwandlung der Welt dienen. In der Ökumene ist dafür der Begriff „Missio Dei“ (Gottes Mission) geläufig. Gott bezieht uns in Christus in seine Mission ein. Die Teilhabe an der Missio Dei und der Friedensherrschaft Christi, an seiner prophetischen und priesterlichen Existenz drückt sich darin aus, wie wir (1) gemeinsam Kirche sind, (2) gemeinsam den Glauben feiern, (3) Glauben weitergeben und bezeugen und (4) Verantwortung übernehmen. Hieran knüpfen wir an, wenn wir in Kapitel 3 nach praktischen Impulsen für Kirche und Gemeinde fragen.

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