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3. Praktische Impulse für Kirche und Gemeinde

Als im Herbst 2015 fast 900.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben die Kirchen gezeigt, welche Konsequenzen sich aus dem Zeugnis ihres Glaubens ergeben. Presbyterien, Synoden und leitende Geistliche ergriffen Partei für eine offene Gesellschaft. Zahlreiche Ehrenamtliche investierten Zeit, Kraft und Fantasie um für ein herzliches Willkommen zu sorgen. Gemeinden stellten Räume zur Verfügung. Und bis heute werden Sprachkurse und Patenschaften organisiert, Ehrenamtliche begleitet sowie in Rechts- und Integrationsfragen qualifiziert und mehrsprachige Gottesdienste gefeiert. Das Engagement der Kirchen für die geflüchteten Menschen bleibt nicht ohne Rückwirkungen: Die Erfahrungen von Christinnen und Christen und Erwartungen an die Kirche verändern auch das Leben der Kirchen selbst.

Anhand der in Kapitel 1.4. genannten grundlegenden Wesensäußerungen von Kirche benennen wir exemplarisch Projekte und Erfahrungen aus dem Raum der Evangelischen Kirche von Westfalen, die zur Diskussion und zum Weiterdenken anregen.

3.1 Gemeinsam Kirche sein

Die Lydiagemeinde will international werden

„Gemeinsam Kirche sein – internationale Gemeinde werden“ – dieses Motto ist für die Lydia­gemeinde in Dortmund Programm. Laut Gemeinde­glieder­kartei gehören Christinnen und Christen aus 62 Nationen zu ihr. Seit 2016 ist sie dabei, im ganzen Gemeindeleben Menschen mit Migrationswurzeln bewusst wahrzunehmen und einzubeziehen. Was in Kitas und Kinder­kirche selbstverständlich ist, soll es auch in anderen Bereichen der Gemeinde­arbeit werden. Ab 2020 wird sich das Projekt auch in den Leitungs­strukturen abbilden: Für mindestens zwei Positionen im neuen Presbyterium sollen Menschen mit internationalen Wurzeln kandidieren. „Es geht uns darum, das Eigene mit dem Fremden zu verweben“ – so beschreibt die Gemeinde das Ziel dieses Konzepts.

Die persischsprachige Gemeinde in Paderborn

Etwa 50 bis 70 persischsprachige Christinnen und Christen feiern im Paderborner Lukas-Zentrum Gottesdienst in Farsi und gestalten Bibelkurse. Einmal im Monat finden gemeinsame Gottesdienste mit der evangelischen Lukasgemeinde statt. Hier werden als sichtbare Zeichen der Einheit auch Taufen gefeiert – einige Hundert in den vergangenen Jahren – und das Abendmahl ausgeteilt. Der zuvor ehrenamtliche Pastor Mehrdad Sepehri Fard hat hier seit Herbst 2017 eine Projektstelle: „Seelsorge für persischsprachige Christ*innen“. Unterstützung kann bei ihm auch aus anderen Regionen Westfalens angefragt werden. Er sagt: „Christinnen und Christen anderer Sprache und Herkunft fühlen sich in der Landeskirche heimisch, wenn sie Lieder und Rituale, aber auch ihre Sprache beitragen können.“ Deshalb gehen immer mehr Gemeinden dazu über, im Gottesdienst Lesungen in unterschiedlichen Sprachen zu halten. So fühlen sich Christinnen und Christen aus anderen Ländern angesprochen.

Die seit den 1970er Jahren entstandenen sogenannten „Gemeinden anderer Sprache und Herkunft“ lebten oft in guter Nachbarschaft mit evangelischen Gemeinden, manche als Untermieter oder Mitbewohner in Gemeindehäusern und Kirchen. Der Kontakt war nicht selten eine sprachliche und kulturelle und auch theologische Herausforderung. Doch etliche Migrationsgemeinden existieren nun in der zweiten Generation. Kinder und Jugendliche sprechen besser Deutsch als die Muttersprache ihrer Eltern. Sie sind in Deutschland sozialisiert. Das Interesse an Zusammenarbeit mit den Ortsgemeinden ist groß. Inzwischen hat sich mit Unterstützung der Landeskirchen in NRW auch ein Netzwerk guter Zusammenarbeit entwickelt:

Der Internationale Kirchenkonvent

Den Internationalen Kirchenkonvent Rheinland-Westfalen (IKK) bilden etwa 160 im weitesten Sinne reformatorische Gemeinden, die untereinander und mit der rheinischen und der westfälischen Kirche ökumenisch zusammenarbeiten. Das Spektrum reicht von charismatisch-pfingstlerischen über presbyterianische und methodistische Gemeinden bis zu lutherischen und reformierten Auslandsgemeinden. Dem IKK kann beitreten, wer die Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen akzeptiert:

„Wir zählen uns zur Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Die Mitgliedskirchen und -gemeinden bieten Menschen aus jeweils dem­selben Sprach- und Kulturkreis ein wenig Heimat in der Fremde. Sie sind Anlaufstellen für neu Ankommende und helfen, sich im neuen Umfeld zurecht zu finden. Auch die Arbeit für Geflüchtete spielt eine große Rolle.

Der IKK vernetzt diese Gemeinden mit der rheinischen und westfälischen Landeskirche, bietet Fortbildung, berät und unterstützt. Das Spektrum reicht von der Taufe von Asylsuchenden bis zu den reformatorischen Wurzeln der verschiedenen Traditionen oder dem Verständnis von Mission und Nachfolge. Der Austausch ist eine große Hilfe, kulturelle Unterschiede zu verstehen und zu überbrücken.

Die Verbundenheit mit anderen Gemeinden und der weltweiten Christenheit ist grundlegend für das Verständnis von Gemeinde und Kirche. Dies zeigen schon die Anfangszeilen neutestamentlicher Briefe: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus“, schreibt Paulus an die „Gemeinde Gottes in Korinth, … samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns“ (1. Korinther 1,2.3). Gemeinde vor Ort ist stets Teil eines größeren Ganzen. Die Gemeinschaft mit Christus „umgreift, relativiert und transzendiert die natürlichen, sozialen und nationalen Gemeinschaftsformen“, heißt es in einem Text der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, zu deren Gründungsmitgliedern die EkvW gehört. Dies ist die Vision von der einen konkret erfahrbaren und weltumspannenden Kirche, die ihre Einheit in Christus weiß und gemeinsam „Leib Christi“ ist. Folgt man dieser Vision, so wird deutlich, dass Gott durch die Andersartigkeit des Anderen etwas an mich heranträgt. Gott selbst ist es, der uns durch das Fremde herausfordert und bereichert. Im Fremden begegnet uns Gott: Ihr habt mich aufgenommen.

Bei allen Schwierigkeiten erleben in unserer Kirche Gemeinden, Gruppen und Einzelne, wo sie Fremde wahrnehmen, sich auf Fremdes einlassen und sich damit auseinandersetzen, immer wieder menschliche, inhaltliche, theologische und geistliche Bereicherung. Die folgenden Beispiele regen an, nach passenden Antworten im eigenen Gemeinde- oder Arbeitsbereich zu fragen.

Mitbürger und Hausgenossen? (Epheser 2,19)

Mitten in die Vorbereitungen für den Neujahrsempfang platzt die Mail: „Ist der Neujahrsempfang jetzt immer international? Dann ohne uns – den Chor – so chaotisch wie das im letzten Jahr war – das tun wir uns nicht an!“

Es folgen Krisenmails, Telefonate, Gespräche. Ergebnis allen einfühlsamen Nachfragens: Die Akustik! Es war zu laut. Die Anlage der afrikanischen Band war mit unserer nicht kompatibel. Es kam zu Rückkoppelungen, zum Überschreien der Wortbeiträge, unsere eigene Anlage war übersteuert. – Vorsichtige Anfrage: Könnt Ihr auch leiser?

So seid Ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürgerinnen der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Sonntagnachmittag – ein Mitglied der tamilischen Gemeinde steht vor der Tür. „Unser Pfarrer möchte nicht, dass die Gemeindeglieder sich weiter an den internationalen Gottesdiensten beteiligen. Es kommen zu wenig tamilische Elemente darin vor und es ist nicht genügend Zeit für unseren Pastor im Gottesdienst.“ Er sollte beim Neujahrsempfang mit den anderen Geistlichen zusammen die Gemeindeglieder segnen. Ein persönlicher Segen für jeden, der möchte – in der Sprache des jeweiligen Segnenden. Er sagt ab.

Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen?

Aufregung beim Pfarrer der koreanischen Gemeinde. Vereinbart war, eine Dialogpredigt zu halten. Ein Vertreter der tamilischen Gemeinde und er wurden gebeten diese zu halten. „Eine Predigt halte ich allein. Wie soll ich da noch einen zweiten an meiner Seite haben?“ Irritation und Unsicherheit. Wir verabreden uns zu viert und erarbeiten gemeinsam eine Dialogpredigt – der tamilische Student beleuchtet die weltlichen Aspekte, der koreanische Pfarrer die geistlichen.

Mitbürgerinnen der Heiligen und Gottes Hausgenossen?

Nach vielem Hin und Her und schlaflosen Nächten der Gottes­dienst. Die afrikanische Band hat die Anfrage verstanden: Sie singt a cappella, nur mit einer verstärkten Gitarre. Unsere Anlage funktioniert mit einem technik­erprobten Presbyter optimal. Die Dialog­predigt wird sehr positiv aufgenommen. Der tamilische Pastor nimmt entgegen seiner Absage doch teil und segnet die, die vor ihm stehen, und eine Abordnung einer befreundeten tamilischen Gemeinde aus Duisburg ist auch noch da.

Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!

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3.2 Gemeinsam den Glauben feiern

„Ich will selber denken“ – Hasan Nabeel singt im Luther-Oratorium

Der Pakistani ist wohl einer der ungewöhnlichsten Sänger des Luther-Oratoriums. Hasan Nabeel wusste vorher nicht, wer Luther ist. „Ich bin dabei, mehr über ihn zu lernen“, sagt der 31-Jährige, der seit 2015 in Deutschland ist. Im Chor lerne er nicht nur seinen neuen Glauben und die deutsche Sprache besser kennen, er habe auch Freunde gefunden.

Kontakt mit dem christlichen Glauben hatte Nabeel schon in Pakistan. Mit einem Freund habe er eine Kirche besucht, sagt er. Seine muslimische Familie habe ihm die Gottesdienstbesuche verboten. Er entschloss sich zur Flucht. Im August 2016 wurde Hasan Nabeel getauft. Wenn der kräftige Mann, der in Pakistan als Schmied arbeitete, davon spricht, geht ein Strahlen über sein Gesicht: „Ich habe so lange darauf gewartet. Vor der Taufe dachte ich, dass ich durch die Flucht viel verloren habe. Jetzt sehe ich, was ich gewonnen habe.“

Sein Lieblingslied aus dem Oratorium trägt den Titel „Selber denken“. Darin heißt es: „Ich will selber denken – ich mit Gott allein“. An Luther fasziniere ihn die Botschaft der Freiheit: „Wir können selbst Entscheidungen treffen und müssen nicht wie andere Menschen sein. Wir sind nur Gott verantwortlich.“

Im Gottesdienst versammeln sich Menschen, um Gott nahe zu sein, ihn zu loben und im Gebet ihre Sorgen und Ängste auszubreiten. Sie suchen Ruhe und Trost, Gemeinschaft miteinander und mit Gott und eine lebensnahe Predigt. Viele finden im Gottesdienst Stärkung, Heimat und Gemeinschaft.

Der Gottesdienst hält eine lange Tradition lebendig. Viele Gemeinden sehen hier die Mitte des Gemeindelebens. Umso schöner ist es, wenn sich dort Menschen mit anderen gottesdienstlichen Traditionen und anderer Frömmigkeit einbringen. Wird der Gottesdienst „unter Verantwortung und Beteiligung der ganzen Gemeinde gefeiert“, kann dies zu neuer Vielfalt der Klänge und Rhythmen führen, zum Hören von Gottes Wort in anderen Sprachen und zu intensivem gemeinsamem Gebet.

Die Feier des Gottesdienstes selbst hat Migrationshintergrund. Elemente aus Liturgien und Gebeten aus Israel, Syrien, Byzanz, Rom und Nordafrika haben sich zu dem gefügt, was Menschen in Westfalen heute als ihre gottesdienstliche Heimat empfinden. „Unser“ evangelischer Gottesdienst spiegelt die weltweite Ökumene aus zwei Jahrtausenden.

Das kann man auch in der Musik erleben. Durch die Mission und die Posaunenchorarbeit wurde protestantische Kirchenmusik in alle Welt exportiert. Die dortigen Kirchen haben sie übernommen und zu Teilen ihrer eigenen Tradition gemacht. Umgekehrt hielten bei uns Gospelmusik und Lieder aus der weltweiten Ökumene Einzug in Gottesdienste und Liederbücher. Musik überwindet kulturelle und sprachliche Grenzen, und Chöre sind gute Möglichkeiten, um mit einer Gemeinde in Kontakt zu kommen. Die Frömmigkeit und der Predigtstil von Christinnen und Christen anderer Sprache und Herkunft mögen oft befremden, aber Gesang und Musik lassen erleben, wie das Gotteslob Menschen vereint.

Wichtig ist in all dem die Grundhaltung der Gemeinde: Ist der Gottesdienst „gute Stube“, in der die schönsten Stücke präsentiert werden oder die lebenswarme Wohnküche, in die alle Kinder Gottes nach Hause kommen, Hunger und Durst stillen und Gemeinschaft genießen?

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3.3 Glauben weitergeben und bezeugen

Maryam erzählt

„Ich bin in eine muslimische Familie hineingeboren, aber ich hatte im Iran immer große Probleme mit der muslimischen Unterscheidung zwischen Mann und Frau, zum Beispiel vor Gericht. Deswegen habe ich einen Gott, der mich nicht liebt, abgelehnt und habe im Iran ohne Glauben gelebt. […] Im Heim in Hemer haben meine Kinder zwischendurch mit dem Ehepaar S. über den christlichen Glauben gesprochen […] An einem Tag habe ich ein Gespräch mitgehört. In der Geschichte wollten Männer eine Ehebrecherin steinigen, doch dann kam Jesus, stoppte sie und sagte, wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein. […] Jesu Worte haben mich sehr bewegt. Deswegen habe ich mich in Iserlohn bei der Flüchtlingsberatung über christliche Gemeinschaften in Iserlohn informiert.“

Nach Paulus ist das ganze Leben eines Christenmenschen Gottesdienst. Geschwisterliche Liebe, fröhliche Hoffnung, beharrliches Gebet, Eintracht und Gastfreundschaft gegenüber Fremden bezeugen den Glauben. Doch gehört zum Gottesdienst im Alltag der Welt auch der Widerspruch gegen vorurteilsbeladenes und hasserfülltes Reden und Tun. In Verlautbarungen und in Diskussionsforen werden Fremde und das Engagement für sie verunglimpft. In vielen Ländern der Welt werden Christinnen und Christen bedrängt und verfolgt. Menschen vieler Religionen und Überzeugungen werden bedroht, wenn sie sich für Gerechtigkeit einsetzen. Unsere Kirche weiß sich verpflichtet, allem entgegen zu treten, was die Menschenwürde derer, die „anders“ sind, in Frage stellt. Dazu gehört auch, hier und in aller Welt für das Recht auf freie Religionsausübung einzutreten.

Auch kirchliche Bildungsarbeit bezeugt das Evangelium. Evangelische Bildung ist ein ganzheitlicher und lebenslanger Prozess. Sie will Urteilsfähigkeit fördern und zum Handeln befähigen, das am christlichen Menschenbild orientiert ist. Vor allem aber geht es darum, biblische Worte und Bilder kennenzulernen, die zur Deutung und Gestaltung des Lebens helfen. Die Gleichnisse und Beispielgeschichten, mit denen Jesus vom Reich Gottes sprach, sind solche lebenserschließenden Erzählungen. Wenn die Geschichte von Menschen Gehör findet und in das Licht des Evangeliums tritt, eröffnen sich Horizonte. Wo Menschen, die neu dazu kommen, ihre Geschichten erzählen können, ordnen sich Dinge und Erfahrungen: Eigene und fremde Geschichten beginnen zu sprechen. So wird persönliche Begegnung zum Schlüssel für das Verständnis des anderen. In geschützten Räumen kann auch das zu Wort kommen, was an Schwerem erlebt wurde.

Eine Gruppe von Christen aus verschiedenen muslimisch geprägten Ländern trifft sich monatlich mit Angehörigen der landeskirchlichen Kerngemeinde am Ort zum Bibelteilen.

Das Gespräch ist mühsam und fordert viel Geduld. Da viele nur Farsi sprechen, geht ohne Dolmetscher nichts. Die Frau, die übersetzt, ist Muslimin und stößt bei Begriffen wie „Sakrament“ oder „Trinität“ an ihre Grenzen. Doch dann locken die Bibeltexte die Geflüchteten zum Erzählen: wie sie nicht einmal Abschied nehmen konnten von Familie und Freunden, welche Odyssee durch verschiedene Lager hinter ihnen liegt, welche Ängste sie plagen, aber auch welche Kraft der Glaube ihnen schenkt. Und mit einem Mal beginnen Worte Jesu zu leuchten, die in unseren volkskirchlichen Ohren so sperrig klingen:

„Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird‘s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“
Matthäus 19,29

Solche Verse bilden die Realität ab, die Geflüchtete erleben. Befremdliche Texte bekommen ein individuelles Gesicht. Wir sehen uns Gesprächspartnern gegenüber, die unsere Vorstellung von christlichem Leben sprengen. Wem ein Iraner berichtet, wie er eine christliche Versammlung im Untergrund besuchte und sich nur durch den Sprung aus dem Fenster vor der Polizei retten konnte, ahnt etwas von den Kosten der Nachfolge. Wem eine Frau erzählt, wie ihr Mann sie mit Säure überschütten will, da sie sich für das Christentum interessiert, beginnt zu verstehen, was teure Gnade bedeutet.

Vieles, was verfolgte Christen erzählen, verstört. Und es weckt Respekt vor dem Glaubensmut dieser Menschen und schafft Nähe zwischen Brüdern und Schwestern im Glauben. Geflüchtete stehen nicht wie Säulenheilige vor uns, sie finden einen Weg zu unserem Herzen, wenn sie von ihren Erfahrungen mit Christus erzählen, ihren Ängsten, aber auch ihrer Freude, von ihrer Befreiung durch das Evangelium. So verkünden sie uns – die wir doch angetreten waren, diesen Taufanwärtern das Christentum „beizubringen“ – eine ermutigende Botschaft.

Kulturelle und religiöse Verschiedenheit sind in den vertrauten Gruppen und Kreisen der Gemeinden eher selten. Im Kindergarten aber und im Klassenzimmer fängt die interreligiöse Begegnung meist an. Durch die Menschen, die sich dort begegnen, wird es unausweichlich zu fragen, wie das Miteinander gelingen kann. Dem mit Offenheit und Bereitschaft zur Reflexion zu begegnen, erfordert viel von Erziehern und Lehrerinnen, Eltern und Kindern. Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen kann nicht einfach gefordert werden. Aber es lassen sich fördernde Rahmenbedingungen schaffen.

In der Jugendarbeit, in der Erwachsenenbildung und in allen anderen kirchlichen Handlungsfeldern wird versucht, interkulturelles Lernen zu fördern. Beispielhaft wird hier vorgestellt wie das konkret im Kindergarten und in einer Schule aussehen kann.

Pädagogik der Vielfalt in Kindertageseinrichtungen

Entsprechend ihren Leitbildern arbeiten die evangelischen Tages­stätten für Kinder in Altena, Iserlohn und Schwerte inklusiv. Das bedeutet, das Mit­einander ist am Einzelnen ausgerichtet, egal woher er oder sie kommt, welche Sprache er spricht oder welchen Hinter­grund sie hat. Alle sind eingeladen und werden in ihrer Individualität wahr­genommen. In allen drei Kitas gibt es Mit­arbeitende, die den Zertifikatskurs Inter­kulturelle Kompetenz besucht haben und Englisch sprechen. Besonders wichtig ist, dass sie sich mit den kulturellen Unter­schieden bei den Umgangs­formen in den Herkunfts­ländern (Blickkontakt, Begrüßungs­rituale, Umgang mit der Zeit etc.) auskennen.

Miteinander voneinander lernen in der Schule

In der Hans-Ehrenberg-Schule lernen in der internationalen Klasse seit 2016 Schülerinnen und Schüler aus sieben Nationen Deutsch mit­einander. Erst wenn die Deutsch­kenntnisse es ermöglichen, nehmen sie am Regel­unterricht in den Klassen teil. „Sprach­erwerb heißt für uns auch, mit­einander leben, Kennen­lernen der christ­lichen Kultur.“ So integrieren zum Beispiel die verschiedenen Fach­lehrerinnen und -lehrer sowie die Schul­sozial­arbeiterin im Dezember verschiedene Aktivitäten in den Schul­alltag, die den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung der christ­lichen Traditionen im Weihnachts­kreislauf näher­bringen. Es werden zum Beispiel Adventskränze gebunden oder Weihnachts­lieder gesungen. Aus ihrer Partner­schule Talitha Kumi in Bethlehem / Palästina hat das evangelische Gymnasium ver­schie­dene Krippen­darstellungen als Geschenk erhalten. Diese dienen als An­schauung für die Auseinander­setzung mit der Geburt Christi.

Im Projekt „Unsere Feiertage“ geht es um verschiedene Feier­tage im Kirchen­jahr bzw. Jahres­kalender. Der Inter­religiöse Kalender im Klassen­raum zeigt die Traditionen. Anhand von Symbolen wird erzählt, welchen Ursprung und Sinn der jeweilige Tag hat. Gemeinsam­keiten und Unter­schiede werden benannt und respektiert.

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3.4 Verantwortung übernehmen

„Ich will es ganz besonders richtig machen!“

Halil Karacayli leitet den Bereich „Unterstütztes Wohnen Eckardtsheim“ bei Bethel.regional.

Halil Karacayli ist in Deutschland geboren, kehrte aber mit zehn Jahren mit seiner Familie zurück in die Türkei. Dort lernte er Türkisch und Arabisch, die Sprache seines Vaters.

2004 begann Karacaylis „Bethelkarriere“. Er arbeitete mit verhaltens­auffälligen jungen Erwachsenen. „Als ich mich nach zwei Jahren auf meine Stelle wieder bewerben musste, wurde mir deutlich gemacht, dass christliche Mitbewerber bessere Chancen haben.“ Doch obwohl er Alevit ist, erhielt er eine Festanstellung und ist heute Bereichsleiter. Mit 24 Mitarbeitenden ist der Bereich ein eher kleiner Arbeitsbereich in Bethel, wo insgesamt etwa 19.000 Mitarbeitende beschäftigt sind.

Glaubt er, sein alevitischer Hintergrund wird einer weiteren Karriere im Weg stehen? „Wahrscheinlich schon – oder vielleicht, eventuell noch die Regional­leitung?“ Da wird das Terrain unsicher, denn es gibt noch keine Vorbilder.

Und wie geht diakonisch Leiten bei Halil Karacayli? „Meine Mitarbeitenden wollen meistens nicht so gerne darüber reden, wie das diakonische Profil in ihrem Handeln im Alltag sichtbar wird – dann bringe ich das ins Gespräch ein.“ Und das mit Leidenschaft: „Jeder Mensch wird von Gott geliebt, und deshalb sollen auch wir jedem Menschen mit Respekt begegnen. Das ist es eigentlich. Und das haben wir auch gemeinsam, die christliche und meine alevitische Religion.“

Wie blickt er auf die Herausforderung einer interkulturellen Öffnung? „Ich denke, die Ausbildung in den diakonischen Berufen sollte so angepasst werden, dass sie auch für Menschen mit einem nichtchristlichen Hinter­grund attraktiver wird.“ Dann könnte in Zukunft noch mehr Vielfalt zu Bethel dazu gehören.

Jesus stellt einen Andersgläubigen als Vorbild der Nächstenliebe dar. Der barmherzige Samaritaner (Lukas 10,25–36) selbst fragt nicht nach Volkszugehörigkeit oder Religion, er empfindet Mitleid und hilft dem Bedürftigen. Weil er „die Barmherzigkeit“ an ihm tut, wird er zu seinem Nächsten. Von Barmherzigkeit ist in der Bibel die Rede, wo Gott die Armut, die Not, die Schuld und das Elend „sieht“ (1. Mose 16,13), die Klage und das Schreien der Menschen „hört“ (Richter 2,18), die Zerstreuten „sammelt“ (Jesaja 54,7), des Menschen „gedenkt“ (Psalm 8,5) und Bedrängte aus ihrer Lage rettet, ihnen hilft und vergibt (Micha 7,18; Psalm 103,8; vgl. 2. Mose 34,6 f.). Barmherzigkeit und Gerechtigkeit verweisen aufeinander; nur ein barmherziger ist ein guter Richter (2. Mose 23,6). Barmherzigkeit verschafft dem Bedrängten Recht (2. Mose 22,20).

Europäische und globale Krisen wie die Finanzkrise ab 2008, die Griechenlandkrise 2015 und die Flüchtlingskrise seit 2015 brachten eine dramatische Herausforderung für das Verhältnis von persönlicher Hilfemotivation, zivilgesellschaftlicher Integrationskraft, politischer Gestaltungsfähigkeit und allgemeiner Rechts- und Vertragstreue. Zwischen einer offenen „Willkommenskultur“, militanter Hilfeverweigerung bis hin zu gewalttätigen Übergriffen und dem Gebot der Wahrung geltenden vertraglichen und staatlichen Rechts bestehen scharfe Spannungen. Barmherzigkeit als die Bereitschaft und Fähigkeit, den Elenden Recht zu schaffen, ist erneut herausgefordert.

Primäre Aufgabe der Diakonie ist es, sich in besonderer Weise jenen Bereichen von Not zuzuwenden, die vom Netz öffentlicher sozialer Einrichtungen nicht entsprechend wahrgenommen werden. Diakonisches Handeln ist immer auch Protest, weil es Not lindert und zugleich nach Veränderung der Bedingungen ruft, die die Not verursachen.

Diakonie Österreich, Vergleiche: Benz 2014

Herausforderungen für den Wohlfahrtsverband Diakonie

Wer mit Menschen vielfältiger kultureller und religiöser Hintergründe arbeitet, will „nah dran“ an die Menschen. Dafür braucht es Mitarbeitende, die gut in interkultureller Sensibilität geschult sind oder selbst Migrationshintergrund haben und damit diverse kulturelle und sprachliche Kenntnisse. In manchen Bereichen gibt der Personalmangel den Anstoß, schnell und neu darüber nachzudenken, wer in kirchlichen Einrichtungen in Zukunft arbeiten sollte.

Der Motor für unsere Interkulturalität ist nicht die interkulturelle Arbeit an sich, sondern die Not, dass wir viele Stellen gar nicht besetzt kriegen. Es gibt riesige Bedarfe, fast 300.000 offene Pflege­stellen in Deutschland. Und dann gibt es unter den Asyl­bewerberinnen viele, die gerne eine Ausbildung machen wollen – und es aus recht­lichen Gründen nicht dürfen. Lasst uns den Bedarf und Menschen, die willig sind, politisch zusammenbringen!

Diakonin Regine Buschmann, Öffentlichkeitsarbeit der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel

Besonders in den westfälischen Großstädten wird die Bevölkerung kulturell bunter. Rund ein Drittel aller Menschen in Dortmund haben einen familiären Migrationshintergrund. Diese Vielfalt bereichert die Stadt und eröffnet neue Chancen.

Der Anteil der muslimischen Bevölkerung steigt stetig. Menschen mit christlichem Hintergrund sind – auch als Mitarbeitende in der evangelischen Diakonie – häufiger Mitglieder der katholischen als der evangelischen Kirche. Dies gilt sowohl für das Ehrenamt wie auch für die berufliche Mitarbeit. Vielfalt in der Mitarbeiterschaft von diakonischen Einrichtungen ist also Notwendigkeit und Chance zugleich.

Spannend ist die Frage, wie die Diakonie als evangelische Arbeitgeberin dies gestalten kann. Sie hat sich an die Loyalitätsrichtlinie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gebunden, um den evangelischen Charakter ihres Handelns zu gewährleisten. Dies setzt verbindliche und transparente Standards für die Auswahl und Einstellung hauptamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Fokus steht dabei die Einstellung von Personen, die Mitglied einer Gliedkirche der EKD sind. Möglich ist darüber hinaus die Einstellung von Mitarbeitenden aus einer Glaubensgemeinschaft, die der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) angehört. Unter besonderen Voraussetzungen ist es auch möglich, Mitarbeiter zu beschäftigen, die keiner christlichen Kirche angehören. Die Einstellung von Bewerberinnen, die aus der Kirche ausgetreten sind, ist dagegen ausgeschlossen.

Diese Differenzierung ist hilfreich. Sie kann zur interkulturellen Öffnung der Diakonie beitragen: Durch Migranten in den Arbeitsteams treten soziokulturelle Veränderungen ein, die innovative Impulse setzen können. Die Diakonie würde ihren Auftrag verdunkeln und sich selbst schaden, wenn sie Menschen grundsätzlich ausschlösse, die bereit sind, ihren Dienst zu unterstützen und mitzutragen. Der immer stärker angespannte Fachkräftemarkt verfügt zudem nicht über das erforderliche qualifizierte Personal, das zugleich Mitglied in der evangelischen Kirche ist. Wäre es erforderlich, den Grundsatz „evangelische Bewerber“ ohne Wenn und Aber einzuhalten, müsste manches Diakonische Werk schließen.

Am 31. Dezember 2016 umfasste die Einwohnerzahl Dortmunds 601.150 Personen. Hiervon waren 104.115 Personen „Ausländer“, das heißt sie hatten einen gemeldeten Wohn­sitz und einen aus­ländischen Pass. Die Gesamt­quote für die Stadt lag somit bei 17,3 Prozent. Im größten Stadt­bezirk Dortmunds, in dem 59.648 Personen leben, verfügten 30.080 Personen über einen aus­ländischen Pass, also 50,7 Prozent.

Interkulturelle Öffnung ist auch in Bezug auf die Menschen erforderlich, denen unser diakonischer Auftrag gilt. Arbeitet man zum Beispiel in einem Förderzentrum für Kinder mit Handicaps, muss man wissen, durch welche Erfahrungen und Wertehaltungen zum Beispiel türkische Eltern in ihrem kulturellen Umfeld geprägt sind. In der Pflege sind interkulturelle Kenntnisse unabdingbar (kultursensible Pflege). In der Stadtteilarbeit muss man Vielfalt als Bereicherung empfinden und bereit und in der Lage sein, den interkulturellen Dialog in Gang zu halten.

Das gilt insbesondere im Einsatz an der Seite von Menschen, die keine positive Lebensperspektive, keine Chance auf Integration haben. Angst und Gewalt nehmen bei den chancenlosen Menschen der Gesellschaft zu. Das bekommen auch die Dienste der Diakonie zu spüren. Sowohl in der Wohnungslosenhilfe als auch in der Migrationsarbeit wird es zum Problem. Die Mitarbeitenden erhalten spezielle De-Eskalationstrainings und werden geschult in entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, um mit Aggression gegen Mitarbeitende der Wohnungslosenhilfe, mit Beschaffungskriminalität und Übergriffen auf sie umgehen zu können. Denn auf der Straße, zu Fuß gibt es so manche angstmachende Begegnung, insbesondere für Frauen im diakonischen Dienst. Frustration aufgrund von „Anmache“ und Angst vor Übergriffen gehören zu den Kündigungsgründen engagierter junger Mitarbeiterinnen der Diakonie.

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