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2. Sozialethische Orientierung

2.1 Länderspiel der Herzen

Zwei Herzen schlagen in Daniels Brust, wenn er über Heimat spricht. Der Deutsch-Koreaner ist evangelischer Pfarrer im Kirchenkreis Schwelm. Er wurde 1984 in Castrop-Rauxel geboren und ist in Dortmund aufgewachsen, war aber lange Zeit hin- und hergerissen, wo eigentlich seine Heimat ist.

Das Ruhrgebietskind asiatischer Abstammung ist mit Deutschland fest verbunden. Seine Eltern leben seit Jahrzehnten in Dortmund, fühlen sich „voll integriert“ und wollen hier beerdigt werden. Zuerst war seine Mutter 1967 als Krankenschwester nach Deutschland gekommen. Sein Vater verließ Mitte der 1970er Jahre sein Heimatland Korea, um in Deutschland im Bergbau zu arbeiten.

Daniel Cham Jung und seine Frau, die ebenfalls koreanische Eltern hat, verstehen sich als Vertreter eines künftigen Deutschlands, das interkulturell immer vielfältiger wird. Umso mehr verletze es ihn, wenn jemand sagt: „Du bist kein Deutscher“ oder „Deutschland ist nicht Deine Heimat“. Als Asiat fällt der Pfarrer in seiner Gemeinde auf. „Zur Zeit bin ich ein Unikum“, weiß er. Viele Menschen können beim Erstkontakt am Telefon nicht erkennen, dass er aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammt. Sein Aussehen kann er jedoch nicht verbergen und erlebt dann oft Überraschung als Reaktion. Dabei müsse er sich häufig erklären. Auch freundliches Nachfragen könne mal „nerven“ und als Angriff verstanden werden. „Ausländersein“ sei eben keine Selbstverständlichkeit in Deutschland.

Jung versteht sich als Deutscher und Koreaner. Das ist ihm während seines 15-monatigen Auslandsvikariats in Seoul, Korea, noch deutlicher geworden. Dort war er kein Fremder, auch wenn er die Sprache nicht perfekt beherrschte. Erstmals habe er gespürt, wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, „in dem alle so aussehen wie ich.“

Anders als in Korea oder auch in den USA spiele die Sprache hierzulande eine große Rolle. „In Deutschland werden Menschen nach ihrem Sprachvermögen klassifiziert.“ Manche Chancen gehen somit verloren, bedauert Jung. In den USA beispielsweise müsse ein Mensch seine Idee „rüber bringen“, also verständlich erklären können. Wie er das sprachlich macht, sei dabei nicht so entscheidend – anders in Deutschland. Hier sei sprachliche Ausdrucksfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Er habe manchmal den Eindruck, grammatikalische Korrektheit und Eloquenz gingen in Deutschland über alles. Damit würden viele Menschen ausgeschlossen.

Aber auch anders auszusehen als der Durchschnitt ist eine bleibende Herausforderung. Daniel nutzt das oft als Anknüpfungspunkt für Gespräche. Der junge Pfarrer hat einen persönlichen Traum: „Wenn der erste Koreaner für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt, dann wäre jedes Tor ein Siegtreffer.“

Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren

Fußball ist bereits ein Feld, in dem Inter­kulturalität bis zur Welt­meister­schaft gelebt wird. Zugleich wurde bei der Welt­meister­schaft 2018 in der Debatte um den ehe­maligen deutschen National­spieler Mesut Özil spürbar, wie zerbrechlich die inter­kulturelle Kommunikation in unserer Gesell­schaft immer noch ist.

Migration gehört zu den Grundkonstanten menschlicher Geschichte, sie war und ist ein weltweites Phänomen. In fast allen Ländern der Erde finden Zu- und Abwanderungen statt. Freilich ist die internationale Migration gegenwärtig besonders hoch. Davon wird gesprochen, wenn Menschen für mehr als zwölf Monate in ein anderes Land ziehen, nur diese werden in den internationalen Statistiken erfasst. Die internationale Migration ist von 173 Millionen im Jahr 2000 über 222 Millionen 2010 bis zu 278 Millionen im Jahr 2017 kontinuierlich gestiegen. Viele Migrantinnen und Migranten gehen nicht freiwillig, sondern sehen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Ende 2015 waren 63,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Armut. Das waren so viele wie nie zuvor. Die meisten von ihnen finden Zuflucht in Nachbarländern, 90 Prozent in Entwicklungsländern.

Die Trennlinie zwischen Migration und Flucht ist nicht immer eindeutig. Dennoch ist sie von Bedeutung. Flüchtlinge sind eine besonders schutzbedürftige Gruppe von Migranten, die aufgrund politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung sowie wegen andauernder Kriegshandlungen fliehen müssen. Die meisten fliehen in Nachbarländer. Gegenwärtig sind dies vor allem der Libanon, Jordanien und Kenia, deren Infrastruktur durch die hohe Zahl von Flüchtlingen überfordert ist. Daneben sind Menschen häufig aus Not zur Migration gezwungen. Rahmenbedingungen wie ein drastisches Wohlstandsgefälle, ökologische Krisen oder andere Ereignisse schaffen die Bedingungen und das Umfeld, in dem Menschen Entscheidungen zum Gehen oder Bleiben treffen. Die Entwicklung moderner Kommunikations- und Transportmittel erleichtert es, den Entschluss zur Migration, wenn er erst gefasst ist, schnell in die Tat umzusetzen.

Solche Ereignisse lassen sich zu allen Zeiten weltweit beobachten. Als eine frühe Form der Asylpolitik kann zum Beispiel die Aufnahme von reformierten Flüchtlingen am Niederrhein im 16. Jahrhundert oder die der Hugenotten verstanden werden, die als französische Protestanten im 17. Jahrhundert von deutschen Fürsten vor allem im Saarland und rund um Berlin als Glaubensflüchtlinge aufgenommen wurden.

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2.2 Deutschland als eine von Migration geprägte Gesellschaft

Auch viele Deutsche wurden durch Kriege, Glaubenskonflikte, Hungersnöte, politische Missstände und soziale Perspektivlosigkeit gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Mit der Gründung der ersten europäischen Kolonien setzte um 1700 die Auswanderung über den Atlantik ein. Nach der preußischen Union 1817 suchten strenge Lutheraner als Glaubensflüchtlinge Religionsfreiheit in Übersee. Zwischen 1816 und 1914 wanderten fast sechs Millionen Deutsche in die USA, nach Kanada, Brasilien oder Australien aus, um für sich und ihre Kinder bessere Lebensbedingungen zu erarbeiten.

Mit Beginn der Hochphase der Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Deutsche Reich zu einem der weltweit wichtigsten Einwanderungsländer. Arbeitskräfte aus Südeuropa, vor allem aber aus den ländlichen Regionen Ostpreußens, insbesondere Polens und Masurens, wanderten innerhalb des Deutschen Reichs in die damaligen „Boomregionen“ der Wirtschaft, vorwiegend ins Ruhrgebiet. Darüber hinaus wurden 1914 etwa 1,2 Millionen ausländische Wanderarbeiter im Deutschen Reich gezählt.

Verfolgung, Vertreibung und Flucht prägten das Migrationsgeschehen im Zuge der beiden Weltkriege. Der Völkermord an den europäischen Juden, den in Deutschland nur 34.000 überlebten, ist auch heute noch Mahnung für eine offene und tolerante Gesellschaft.

Besonders prägend für die deutsche Gesellschaft waren die Jahre des so genannten Wirtschaftswunders. Aufgrund der Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie kamen nach ihrer Flucht aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus der DDR viele Menschen nach Nordrhein-Westfalen (NRW), 17 Prozent der Bewohner Nordrhein-Westfalens gehörten 1961 zu dieser Gruppe. Eine geregelte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte – vor allem aus Südeuropa, der Türkei und aus Nordafrika – erfolgte ab 1955, weil der Bergbau, die Schwerindustrie und die industrielle Massenfertigung einen großen Bedarf an Arbeitskräften hatten. Es fanden also verschiedene Migrationsformen und -bewegungen statt: NRW war „in Bewegung“.

Endlich ist in der unteren Einkaufszone wieder etwas los. Es gibt viele kleine Läden und Lokale und keine blöden Spiel­hallen mehr. Ich gehe gerne in den kleinen syrischen Lebens­mittel­laden. Die Leute sind dort so freundlich.

Frau, 48 Jahre

Trotz des Anwerbestopps und einer zunehmend restriktiven Migrationspolitik ab 1973 blieben viele ausländische Arbeitsmigranten – sie wurden als „Gastarbeiter“ bezeichnet, was ihren zeitlich begrenzten Aufenthaltsstatus deutlich machen sollte – in Deutschland und versuchten sich zu integrieren. Unterstützung erhielten sie dabei vor allem durch Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Vereine und am Arbeitsplatz, eine staatlich gewollte und geförderte Integrationspolitik aber gab es für diese Gruppe von Migranten und Migrantinnen nicht.

Anders verlief der Zuzug deutschstämmiger Migrantinnen und Migranten. Ab 1953 regelte das Bundes­vertriebenen­gesetz die Aufnahme von Russland­deutschen als Aussiedler, denen die deutsche Staats­bürger­schaft zustand. Seit den 1960er Jahren siedelten viele Nachfahren der im 18. Jahrhundert unter Katharina der Großen angeworbenen deutschen Siedler in die Bundesrepublik um. In den 1980er Jahren und besonders nach dem Zerfall der Sowjetunion wuchs die Zuwanderung der Aussiedler stark an. Zwischen 1992 und 2015 kamen mehr als 1,8 Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Da mehr als 50 Prozent der Aussiedler und Spätausgesiedelten aus der ehemaligen UdSSR evangelisch sind, kam es zu einer großen Einwanderung in unsere Kirche. Die Evangelische Kirche von Westfalen hat dadurch etwa 280.000 neue Gemeindeglieder aufgenommen, das sind gegenwärtig mehr als 10 Prozent ihrer Mitglieder.

Als Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre die Zahl der Asylsuchenden vor allem als Folge der Balkankriege stark anwuchs, gipfelte die politische Debatte im sogenannten „Asylkompromiss“: Dieser ermöglichte die Abschiebung von Asylbewerbern in einen sogenannten „sicheren Drittstaat“. Personen im Status einer Duldung wurden weitgehend von integrationsfördernden Maßnahmen und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. In dieser Zeit gewannen die „Kirchenasyle“ als Reaktion auf ungelöste menschenrechtliche Probleme des deutschen Asylrechts eine zunehmende Bedeutung.

2005 erfolgte mit der Einführung des Zuwanderungsgesetzes eine Anpassung der deutschen Gesetzeslage an europäische Vorgaben. So öffnete beispielsweise die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union den Arbeitsmarkt für EU-Bürgerinnen und -Bürger. Nach wie vor stammen die meisten Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen (NRW) aus Polen. Aber auch der Anteil an Rumänen und Bulgaren ist im Zuge der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit gestiegen. Da deren sozialrechtlicher Status problematisch ist, führte das oft zu bisher unbewältigten sozialen Problemen. Seit der internationalen Finanzkrise 2007/08 ist erneut die Zuwanderung aus Italien, Spanien und Griechenland angestiegen. Zumeist finden diese Migranten recht schnell einen Arbeitsplatz.

Seit einigen Jahren hat erneut die Zuwanderung aus Bürgerkriegsgebieten wie beispielsweise Syrien deutlich zugenommen. Durch Verfolgung, Flucht, Kriege und Hungersnöte ist die Zahl der Asylsuchenden in NRW in den Jahren 2015 und 2016 auf mehr als 300.000 gewachsen. Seit dem Jahr 2017 sinkt die Zahl der Asylsuchenden.

Sie kamen als Geflüchtete und fanden hier Wohnung

Ich wohne in der Nähe der Universität. Im Wohnheim gegen­über leben Menschen vieler Nationalitäten und Haut­farben. Sie steigen mit mir in die Straßen­bahn und geben mir das Gefühl, in einer Welt­stadt zu leben. Mit uns fahren Menschen, die in zweiter und dritter Generation im Stadt­viertel leben. Sie kamen als Geflüchtete und fanden hier Wohnung und freund­liche Auf­nahme. Meine Kirchen­gemeinde bot mehr­fach Kirchen­asyl. Sie betreibt eine soziale Stadt­teil­arbeit mit Haus­aufgaben­hilfe und Beratungs­angeboten. Zusammen mit der katholischen Nachbar­gemeinde lässt sich immer eine Bleibe finden, auch wenn der Wohnungs­markt es nicht herzugeben scheint. Ich genieße den bunten Mix beim Einkaufen, Menschen mit Kopf­tuch und Turban, weiten Hosen und langen Kleidern, die unter­einander viele Sprachen sprechen, mit mir aber immer deutsch.

Ghettobildung und Verrohung

Regelmäßig einmal in der Woche fahre ich in den gegen­über­liegenden Teil der Stadt. Dann steige ich in der Stadt­mitte in eine andere Linie der Straßen­bahn um. Auch dort fahre ich mit Menschen, die vor einer oder zwei Generationen aus fernen Ländern kamen. Sie wurden in einem Stadt­viertel wie in einem Ghetto angesiedelt, Menschen aus mehr als 60 Ländern, von ihrer Herkunft her zum Teil einander seit Generationen feind­lich gesinnt. In dieser Bahn ist es meistens laut, junge Männer erzählen ein­ander stolz, wie sie wieder einen „Bullen“ aus­getrickst haben. Laut­stark telefonieren sie nach einem Kumpel („Hey, Alter!“), der dazu­kommen soll, um Ali fertig­zumachen, zu dem sie unter­wegs sind. Unverhohlen wird auch mal das neue Messer aus dem Waden­strumpf gezogen und stolz herum­gezeigt. Spät in der Nacht fühle ich mich nicht immer wohl in dieser Bahn und bin froh, wenn ich sie in der Stadt­mitte wechseln kann.

Frau, 75 Jahre

Die Debatte über die Herausforderung der Zuwanderung hat seither an Schärfe zugenommen. In oft problematischer Weise, zum Teil mit fremdenfeindlichen und rassistischen Motiven verknüpft, werden zunehmend Fragen der nationalen Identität diskutiert.

Mit gezielten Tabubrüchen wird in Frage gestellt, dass die Würde eines jeden Menschen unabhängig von Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit unantastbar ist.

Die Gruppe derjenigen, die Zuwanderern und damit einer wachsenden Vielfalt eher skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, ist nicht einheitlich.

Ich gehe durch die untere Einkaufsstraße unserer Stadt und sehe kein einziges deutsches Geschäft. Nur fremde Läden, komische Lokale, fremde Gerüche und eine fremde Sprache. Ich sehe auch keine Deutschen hier. Wo leben wir?

Mann, 70 Jahre

Neben Menschen am Rande der Gesell­schaft finden sich auch hier Frauen und Männer, die aufgrund ihres konser­vativen Werte­gerüsts gesell­schaft­licher Vielfalt gegenüber skeptisch sind. Diese Gruppe ist jedoch interessiert an politischen Diskursen. Auf der anderen Seite stehen Vertreter einer grundsätzlich antipluralen Wertehaltung, die betont national oder sogar nationalistisch denken und das Ideal einer scheinbar „homogenen“ Bevölkerung proklamieren.

In der AfD finden sich Vertreter dieser verschiedenen Richtungen, wobei die national oder nationalis­tisch denkende Gruppe den medialen Auftritt der Partei immer stärker prägt und zu rechts­extremen Positionen neigt.

Diese Unterschiede machen deutlich, dass der Umgang mit der rechtspopulistischen Herausforderung auf verschiedenen Wegen erfolgen muss.

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2.3 Wachsende Vielfalt gestalten – eine Aufgabe der Religionen

Angekommen in der neuen Heimat: Moscheebau als sichtbares Zeichen

Der Moscheeverein Dortmund-Hörde, hervorgegangen aus dem türkisch-islamischen Kulturverein, betrieb seit 1982 in einem umgebauten Wohnhaus gegenüber dem Stahlwerk eine sogenannte Hinterhofmoschee. Mit der zunehmenden Integration der türkischen Zuwanderer entstand der Wunsch, dem Heimatgefühl auch religiös einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Der Moscheeverein nahm 2003 Gespräche mit der Stadtverwaltung auf und suchte nach einem geeigneten Gelände im Stadtteil. Mit der Brachfläche am Grimmelsiepen war dieses schnell gefunden.

Als die Pläne öffentlich wurden, begann in der Bürgerschaft eine intensive Debatte. Geprägt durch die Ereignisse des 11. September 2001, verlief sie in auf­geheizter Stimmung. Es gründete sich eine Bürger­initiative, die Unter­schriften gegen den Moschee­bau sammelte. Die evangelische Kirchen­gemeinde lud Politik, Kirchen­kreis, katholische Kirchen­gemeinde und Moschee­verein zu einem Runden Tisch Grimmel­siepen ein. Das städtische Planungs­dezernat veranstaltete Bürger­abende, zu denen über 250 Menschen kamen und sehr emotional miteinander diskutierten.

Die Muslime fühlten sich angegriffen und vielfach unter General­verdacht gestellt, was sie sehr verletzte. Sie verstanden nicht, warum ihnen von Seiten der deutschen Bevölkerung auf einmal Miss­trauen und Angst entgegen­schlugen, lebten sie doch zum Teil schon seit Jahr­zehnten in Hörde und fühlten sich nicht als Fremde.

Als Neonazis 2004 bundesweit zu zwei Demonstrationen gegen den Moschee­bau in Hörde mobilisierten, brachte das die Bürger­schaft zusammen. Die Hörder distanzierten sich von den Nazi-Aufrufen und organisierten schließlich Hand in Hand mit dem Moschee­verein eine Gegen­demonstration mit über 1000 Teil­nehmenden. Muslime hatten für diese Demonstration Plakate mit der Auf­schrift gedruckt: „Mein Zuhause ist Hörde. Habe kein anderes.“ und „Keine Fremden. Seit 40 Jahren Mitbürger.“

Während der Protest weiterging, entwickelte sich auch die Diskussion um den Bebauungsplan. Schließlich wurde mit den Stimmen von SPD und CDU mit Hinweis auf die Religionsfreiheit der Moscheebau genehmigt.

Seitdem die Moschee fertig­gestellt ist, sind die Proteste einem großen Interesse an Moschee­führungen gewichen – gerade aus der Nachbar­schaft. Viele Besucherinnen und Besucher zeigen sich stark beeindruckt von dem repräsentativen Gebäude, in das Neugierige auch von außen hinein­schauen können, da für die Fenster Klarglas­scheiben verwandt wurden. Die Moschee ist ein Aushänge­schild für den Stadtteil. Besonders die Tatsache, dass sie komplett aus Spenden­mitteln finanziert wurde, nötigt den meisten Besuchern Respekt ab.

Was noch fehlt, ist das Minarett. Vorsorglich hat die Stadt schon einen Vertrag mit der Moscheegemeinde geschlossen, in dem die Dezibel-Zahl geregelt und festgelegt ist, dass der Ezanruf (Gebetsruf) nur einmal in der Woche zum Freitagsgebet erschallen darf.

Moschee in Dortmund-Hörde
Foto: ditib-hoerde

Migration führt zu wachsender gesellschaftlicher Vielfalt (Pluralität), nicht zuletzt im Blick auf Religionen und Glaubensgemeinschaften. Mehr Vielfalt bereichert und stellt die Gesellschaft zugleich vor Herausforderungen, denn Migrantinnen und Migranten bringen andere Wertvorstellungen sowie ihre kulturellen und religiösen Prägungen mit.

Für Migrantinnen und Migranten besteht die umgekehrte Herausforderung: Auch die Glaubens- und Wertvorstellungen aus der eigenen Kultur werden in einer pluralen Gesellschaft zu einer Option unter vielen. Sie müssen mit den Regeln der individuellen Selbstbestimmung und Gleichberechtigung vereinbar sein, wie sie die freiheitliche demokratische Verfassung setzt.

Die Religionen und Religionsgemeinschaften sind herausgefordert und gefragt, wie sie das Mit- und Nebeneinander ihrer Glaubens-, Lebens-, Welt- und Gottesauffassungen verstehen und vor Ort gestalten. Es gilt, auskunftsfähig zu werden über das Eigene und dabei über die verbindenden, aber auch die trennenden Wahrheitsansprüche in einen Austausch zu treten.

Der religionsneutrale Staat sucht nach tragfähigen Bedingungen und Möglichkeiten, die im Grundsatz religions­freundliche deutsche Rechtsordnung für unterschiedliche Religionsgemeinschaften weiterzuentwickeln. Gleichzeitig werden in der Gesellschaft zunehmend Stimmen laut, die angesichts religiöser Gewalt deutliche Vorbehalte gegenüber einer öffentlichen Präsenz der Religionen äußern. Ausgrenzung religiösen Lebens aus der Öffentlichkeit unter dem Vorwand einer vermeintlichen Neutralität kann in einem freiheitlichen Rechtsstaat keine Lösung sein. Die Religionen müssen allerdings auch ihren Beitrag für ein friedliches Zusammenleben deutlich machen, um auf diese Weise mit ihren Wertgrundlagen Orientierung zu geben.

Auch im Blick auf den christlichen Glauben zeigt sich der Prozess der Pluralisierung. Und zwar in einer wachsenden Vielfalt von Konfessionen. Diese Entwicklung ist vergleichsweise neu. Seit den Konfessionskriegen der Reformationszeit bestand Deutschland zumeist aus religiös-konfessionell einheitlichen Regionen. Größere Veränderungen brachten – etwa im Ruhrgebiet – die Arbeitsmigration in der Zeit der Industrialisierung und sodann die Flucht- und Vertreibungsgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Gegen­wart ist geprägt von freundschaftlicher Nähe und partner­schaft­lichem Miteinander zwischen den großen Volks­kirchen und kleineren Kirchen und Freikirchen anderer Konfession. Im Zuge der gegen­wärtigen Migrations­bewegungen kommen Menschen mit weiteren konfessionellen und kulturellen Prägungen zu uns. Die Migrantinnen und Migranten erleben die religiöse Gemein­schaft und die Feier des Glaubens in ihrer Sprache, ihren gottes­dienst­lichen und musikalischen Traditionen als eine Kraftquelle, als geistliche Heimat. Zugleich suchen sie die Begegnung mit dem Leben der länger orts­ansässigen Gemeinden und die Teilhabe daran.

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2.4 Wege der Integration eröffnen

Migrationsgesellschaften müssen Bedingungen gestalten, unter denen Integration gelingen kann. Dies ist eine Schlüsselaufgabe. Sie ist in Deutschland lange Zeit ignoriert worden, zum Nachteil aller, der Zugewanderten wie der Aufnahmegesellschaft. Erst seit dem Jahr 2007 besteht ein nationaler Integrationsplan, seit 2008 wird über die Fortschritte (und Rückschritte) von Integration berichtet.

Der Begriff der Integration wird wie selbstverständlich verwendet. Dabei ist oft unklar, was damit gemeint ist. Welche Erwartungen werden an wen gerichtet? Im Kern versteht man unter Integration einen wechselseitigen Prozess, der allen die gleichen Chancen eröffnet, an den gesellschaftlichen Grundgütern teilzuhaben (Recht, Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung). Integration bedeutet somit keine einseitige Anpassung der Zugewanderten, keine Assimilation, sondern Einbeziehung und Teilhabe aller. In diesem Sinn benötigt Integration wechselseitige Begegnungsgeschichten, wie sie vielfach durch lokale Bindungen an den „eigenen“ Stadtteil, die „eigene“ Stadt oder auch den lokalen Sportverein ermöglicht werden. Integration wächst am besten „von unten“ her, durch gemeinsame Erfahrungen in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, nicht zuletzt in den Kirchen- oder Religionsgemeinschaften „vor Ort“.

In meiner Mittel­stands­funktion habe ich mich immer für den Dialog eingesetzt und türkische Unter­nehmer aufgefordert, in unseren Gremien mit­zuarbeiten. Für die Integration ist aber entscheidend, was in den Moscheen passiert. Muslime gehören zu Deutschland, keine Frage. Aber der Islam kennt keine Trennung zwischen Kirche und Staat. Diese Trennung ist für unser Grund­gesetz grund­legend. Die Frage muss also erlaubt sein, ob ein ideo­logischer Islam zu unserer frei­heitlich-demokratischen Grund­ordnung passt. Ich halte den Islam in Deutschland nicht für integrations­fähig. Jedenfalls erlebe ich ihn zur Zeit eher als Integrationsverhindernd denn als fördernd.

Lesen Sie den gesamten Kommentar.

Friedhelm Müller, ehemaliger stellv. Vorsitzender CDU Mittelstandsvereinigung NRW, Gründungsmitglied des deutsch-türkischen Forums

Vor dem Hintergrund, dass wir sowohl in einer Moschee, als auch in einer Kirche gemeinsam beten, tritt die Frage nach demselben Gott in den Hintergrund. Dass wir gemeinsam beten und gemeinsam diakonisch handeln, ist die Praxis des Glaubens.

Lesen Sie den gesamten Kommentar.

Agim Ibishi, Sozialarbeiter, Muslim und Mitarbeiter des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Herford

Auf einer weiteren Ebene unter­scheidet man indi­viduelle und struktu­relle Inte­gration. Individuell wird der Grad der Inte­gration an Erfolgs­kriterien bei Bildung (ins­besondere Sprach­erwerb), Beruf und Ein­kommen gemessen und meint eine angemessene Teil­habe an den wirt­schaft­lichen Möglich­keiten der Aufnahme­gesell­schaft. Struktu­relle Inte­gration bezieht sich dagegen auf die Über­nahme von Grund­werten der Aufnahme­gesell­schaft und meint die Akzeptanz grund­legender Regeln der Mehr­heits­kultur. Dies ist politisch nicht un­umstritten, beschreibt aber nichts­desto­trotz einen wesent­lichen Aspekt von Integration. Die Grundwerte der bundesdeutschen Gesellschaft sind an den menschenrechtlichen Normen der Grundartikel des Grundgesetzes (Artikel 1–20) orientiert, die nicht zur Disposition stehen und von Migrantinnen und Migranten, wenn sie in Deutschland heimisch werden wollen, im Grundsatz akzeptiert werden müssen. Diese Normen stehen historisch und sachlich in einem engen Zusammenhang mit christlichen Grundsätzen, können aber auch von Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen nachvollzogen und akzeptiert werden. Darüber hinaus sind bestimmte kulturelle Grundhaltungen unserer Gesellschaft zu respektieren. Dazu gehört etwa der vom Christentum bestimmte Zeit- und Festrhythmus im Jahreszyklus, der trotz vieler Säkularisierungstendenzen im Blick auf den arbeitsfreien Sonntag oder die Oster- und Weihnachtszeit unsere Kultur nach wie vor wesentlich bestimmt. Des Weiteren sind grundlegende historische Erfahrungen der jüngeren deutschen Geschichte prägend, insbesondere die Kultur der Erinnerung an den Holocaust mit den Konsequenzen der Absage an jede Form von Antisemitismus und der Anerkennung des Existenzrechtes des Staates Israel.

Dass auf der anderen Seite viele Menschen mit Migrationsgeschichte die Sprache und Kultur ihrer familiären Herkunft pflegen, steht zu der Form struktureller Integration nicht in einem Widerspruch, sondern kann im Sinn einer schrittweisen Integration geradezu förderlich sein.

Die Pflege von Traditionen der Herkunftsgeschichte ist für viele Zugewanderte eine wichtige Ressource, die sie im Übergang zwischen den Kulturen stärkt. Sie kann aber auch die Aufnahmegesellschaft bereichern.

Ich verstehe vieles in ihrer (arabischen) Kultur nicht, aber die Menschen sind einfach nett und so etwas von freundlich.

Mann, 42 Jahre

Die Pflege der Herkunftskultur sollte daher nicht als Konkurrenz zur Einbindung in die Aufnahmegesellschaft beurteilt werden, sondern als natürliche Ergänzung.

Zusammengefasst heißt dies, dass Integration ein wechselseitiges Geschehen zwischen Aufnahmegesellschaft und Zugewanderten bedeutet. Dies schließt die Akzeptanz grundlegender Regeln der Aufnahmegesellschaft, die Pflege von Migrationstraditionen und wechselseitige Lernprozesse ein. Integration ist insofern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die den koordinierten Einsatz von Förderungsmaßnahmen und eine interkulturelle Öffnung staatlicher und zivilgesellschaftlicher – nicht zuletzt religiöser – Institutionen voraussetzt. Dies verlangt vor allem Maßnahmen, um die Chancengleichheit durchzusetzen und zu sichern. Zugewanderte Menschen sind nicht nur Objekte staatlicher Fürsorge, sondern selbstbewusste Subjekte des gesellschaftlichen Wandels. Migrantenorganisationen sind daher wichtige Partner, um die nötigen Schritte zur gesellschaftlichen Integration gemeinsam zu definieren und umzusetzen. Die Teilhabe aller ist sowohl der Weg wie auch das Ziel einer so verstandenen Integration.

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